E-Paper - 27. August 2014
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Ein Handel mit der Zeit

WINTERTHUR: Geben und Nehmen im Tauschnetz gegen Stundengutschrift

Die Zeittauschorganisation Vazyt hat Zeit zur Währung erklärt. Das knappe Gut gewinnt so wieder an Wert.

Lange Arbeitstage, sportliche Betätigung nach Feierabend und ein Freundeskreis, der gepflegt werden will. Ein ausgefüllter Alltag, der uns aber auch einiges abverlangt. Vor allem Zeit. Zeit, die wir bräuchten für lästige Alltagsarbeiten, für das Ausfüllen der nervigen Steuererklärung oder um bei einer Massage die verkrampften Schultern zu lockern. Hilfe leisten, können oder wollen sich die wenigsten. Auch für den Verein Alternativer Zeittausch (Vazyt) ist Zeit ein kostbares Gut. Aufwand und Wert werden hier in Stunden gerechnet und jede Stunde ist gleich viel wert. So kann Autowaschen gegen Baumfällen, Kuchenbacken gegen Hundesitten oder eine Fahrradreparatur gegen eine Taxifahrt getauscht werden: «Der eigentliche Marktwert wird bei Vazyt hinfällig, denn Lebenszeit hat für alle den gleichen Wert. Wenn man etwas gerne tut, kann man die geleistete Zeit gegen eine unliebsame Arbeit tauschen oder eine Dienstleistung beziehen, die man sich sonst nicht leisten würde. Egal ob Dienstleistung oder Produkt, abgerechnet wird immer in Stunden.», so Brigitt Stehrenberger, ehemalige Copräsidentin und heutiges Vorstandsmitglied des Vereins.

Das Prinzip ist einfach. Um Zeit gegen Zeit tauschen zu können, muss man Mitglied des Vereins «Vazyt» werden. Auf einer Online-Plattform können diese dann ein persönliches Profil erstellen und ihre Zeit und Fähigkeiten anbieten oder ihre verdiente Zeit für eines der Angebote ausgeben. Gutgeschrieben werden die geleisteten Stunden auf einem «Zeitkonto». Damit die Stunden weitergegeben werden und ein reges Tauschen stattfindet, dürfen die Mitglieder aber nur maximal 20 Stunden ansparen oder im Minus stehen. Stehrenberger: «Früher haben wir noch manuell mit Tauschkarten gearbeitet und die Angebote und Gesuche vierteljährlich in der Vereinszeitung «Vazytig» veröffentlicht. Seit rund zwei Jahren gibt es den Marktplatz nun online. So können die Angebote und Gesuche laufend aktualisiert und die «Zeit-Konten» wie beim E-Banking verwaltet werden.

«Der eigentliche Marktwert wird bei «Vazyt» hinfällig, denn Lebenszeit hat für alle den gleichen Wert.»

Angeboten wird vieles. «Jeder darf anbieten, was er will. Lediglich unseriöse Angebote werden vom Marktplatz entfernt», erklärt Stehrenberger, die auch selbst fleissig beim alternativen Zeithandel mitmischt. Ihre Spezialität ist etwa das Backen von Zöpfen, die bei den Mitgliedern sehr beliebt sind. Sie hat auch schon ihr Schwimmbad-Abo ausgeliehen und sich dafür eine Viertelstunde auf ihr Konto gutschreiben lassen.

Nebst Kinderhüten, Hilfe bei der Steuererklärung, Figurberatung, Anfängerkursen im Umgang mit Computern, Französisch-Nachhilfe, Musikunterricht, Gartenhilfe, Kochkursen oder Fussreflexzonenmassagen finden sich auf dem Marktplatz aber auch Spielabende, gemeinsame Theaterbesuche oder Gespräche über Gott und die Welt.

Tauschen über die Region hinaus

«Wichtig für unsere Zeittauschbörse ist nebst einem vielfältigen Angebot aber auch der soziale Kontakt unter den einzelnen Gleichgesinnten», so die langjährige Zeittauscherin Stehrenberger. Ungefähr einmal im Monat finden Treffen statt, bei denen sich die Mitglieder kennen lernen können: «Es tauscht sich einfacher mit jemandem, den man kennt. Denn manche haben auch einfach Hemmungen von fremden Leuten etwas anzunehmen, ohne dafür bezahlen zu müssen. Und Nehmen ist mindestens so wichtig ist wie Geben - man erlaubt damit nämlich jemand anderem zu geben.»

Für einen regen Austausch auch über die Region hinaus stehen den rund 80 Mitgliedern von «Vazyt» auch die Marktplätze von anderen Schweizer Zeittauschbörsen zu Verfügung. Dank der Zusammenarbeit mit dem Verein «give&get» und der gemeinsamen Nutzung des Cyclos-Buchungssystems können die Winterthurer Tauscherinnen und Tauscher nicht nur Inserate aus dem ganzen Kanton Zürich einsehen, sondern auch die Veranstaltungen anderer Zeittauschvereine besuchen.

Yannick Arnaboldi

Winterthurer Zeitung vom Mittwoch, 27. August 2014, Seite 1 (378 Views)

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